Speer und Er Das Filmprojekt
Teil 1 Zeitgeschichte
1905 bis 1945 · Erstes Kapitel

Germania – Der Wahn

In zwölf Jahren wurde aus einem unauffälligen jungen Architekten der mächtigste Bauherr Europas und schließlich der Mann, der die deutsche Kriegsproduktion verantwortete. Dieses Kapitel folgt dem Aufstieg, den Plänen für ein umgebautes Berlin und dem Preis, den andere dafür bezahlten.

Generalbauinspektor ab 1937 Rüstungsminister ab Februar 1942 Zwangsarbeit
Inhaltsangabe

Was der erste Teil erzählt

Der Einstieg zeigt keinen Fanatiker, sondern einen jungen Mann mit gutem Benehmen und großem Ehrgeiz. Speer kommt aus einer wohlhabenden Mannheimer Architektenfamilie, studiert in Karlsruhe, München und Berlin und arbeitet als Assistent bei Heinrich Tessenow, einem Vertreter des schlichten, handwerklich gedachten Bauens. Nichts an dieser Ausgangslage deutet auf das hin, was kommt. Dann hört er 1930 eine Rede Hitlers, tritt 1931 in die Partei ein und bekommt nach der Machtübernahme erste Aufträge. Der Rest ist eine Karriere, die schneller verläuft, als sie irgendjemand geplant haben könnte.

Nach dem Tod von Paul Ludwig Troost Anfang 1934 rückt Speer in die Position des bevorzugten Architekten auf. Er gestaltet die Aufmärsche in Nürnberg, entwirft das Zeppelinfeld und setzt 1936 und 1937 jene Lichtinstallation aus Flakscheinwerfern ein, die als Lichtdom in die Propagandageschichte eingeht. Der deutsche Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 bringt internationale Anerkennung. Die Neue Reichskanzlei entsteht in atemberaubender Geschwindigkeit, weil Baustellen rund um die Uhr laufen. Speer liefert immer pünktlich, und genau das macht ihn für Hitler unersetzlich.

Im Januar 1937 erhält er das Amt des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt. Damit beginnt der Teil der Geschichte, der lange kaum erzählt wurde: die Umgestaltung Berlins zur sogenannten Welthauptstadt Germania, mit einer Nord-Süd-Achse von mehreren Kilometern Länge, einer Kuppelhalle von fast dreihundert Metern Höhe und einem Triumphbogen, gegen den das Pariser Vorbild wie ein Modell wirkt. Für diese Pläne mussten Menschen weichen. Wer, wie viele und unter welchen Umständen, davon steht in Speers späteren Büchern erstaunlich wenig.

Zeitgeschichte

Albert Speer 1905 bis 1945: Architektur, Macht und die Rechnung, die andere bezahlten

Fangen wir mit dem an, was oft unterschlagen wird. Speer war kein Mitläufer, der zufällig ins Zentrum geriet. Er hat sich beworben, im übertragenen Sinn, und er hat jede Chance genutzt, die sich bot. Der Eintritt in die Partei erfolgte 1931, also vor der Machtübernahme, zu einem Zeitpunkt, an dem noch keinerlei Karrierezwang bestand. Die ersten Aufträge waren klein, ein Umbau hier, eine Dekoration dort, aber er lieferte schnell und ohne Rückfragen. Hitler schätzte genau das: einen Mann, der Wünsche in Zeichnungen übersetzte, ohne über Sinn oder Kosten zu diskutieren. Aus dieser Arbeitsbeziehung wurde eine Nähe, die Speer später als Freundschaft beschrieb und die ihm politisch alle Türen öffnete.

Bauen als Machtdemonstration

Die Bauten dieser Jahre sind nicht einfach groß, sie sind bewusst überwältigend. Das Zeppelinfeld in Nürnberg funktionierte als Bühne für die Reichsparteitage, mit Rängen für Zehntausende und einer Tribüne, die jeden Blick nach vorne zwang. Die Scheinwerfer, die nachts senkrecht in den Himmel stachen, waren eigentlich Luftabwehrgerät und wurden zum Symbol einer Inszenierung, die auf Ergriffenheit zielte. Wer das damals sah, sprach von einem Raum aus Licht. Heute erkennt man darin vor allem eine Technik, Menschen klein zu machen. Beim Entwurf der Neuen Reichskanzlei ging es um dasselbe Prinzip, nur in Marmor gefasst: ein Besucher sollte einen langen Weg durch Säle zurücklegen, bevor er vor Hitler stand, müde und beeindruckt. Architektur diente hier als Werkzeug der Einschüchterung, und Speer beherrschte dieses Werkzeug ausgezeichnet.

Das Projekt Germania trieb den Gedanken auf die Spitze. Berlin sollte eine neue Mitte bekommen, mit einer breiten Achse zwischen zwei riesigen Bahnhöfen, gesäumt von Ministerien und Konzernbauten. Am nördlichen Ende war eine Halle geplant, deren Kuppel jedes bestehende Bauwerk der Welt in den Schatten gestellt hätte. Fachleute wiesen damals schon auf Probleme hin, vom Baugrund bis zur Kondensation unter der Kuppel. Es wurde trotzdem weitergeplant, weil der Maßstab der eigentliche Zweck war. Ein häufiger Irrtum besteht darin, das alles für reine Fantasie zu halten. Es wurde gerechnet, es wurden Grundstücke gesichert, es wurden Steinbrüche organisiert, in denen Häftlinge aus Konzentrationslagern arbeiteten. Der Wahn hatte eine Buchhaltung.

Wohnungen, die keine leeren Wohnungen waren

Für den Umbau mussten Tausende Berliner Häuser fallen, und die Bewohner brauchten Ersatz. Die Lösung, die Speers Behörde fand, ist der dunkelste Punkt dieser Jahre. Man griff auf Wohnungen jüdischer Mieter zurück, kündigte sie mit amtlicher Rückendeckung und wies die Familien in überbelegte Sammelunterkünfte ein. Die Karteien dafür entstanden im Apparat des Generalbauinspektors. Viele der betroffenen Menschen wurden später deportiert und ermordet. Speer hat in seinen Erinnerungen daraus eine Randnotiz gemacht, wenn überhaupt. Die Unterlagen zeigen jedoch, dass sein Amt aktiv beteiligt war und dass die Zahl der so beschafften Wohnungen in die Zehntausende ging. Wer den Fall Speer verstehen will, muss hier genau hinsehen, denn hier trennt sich die Erzählung vom Aktenbefund zum ersten Mal deutlich.

Vom Zeichenbrett in die Rüstung

Im Februar 1942 stirbt Fritz Todt bei einem Flugzeugabsturz, und Speer übernimmt noch am selben Tag dessen Ministerium. Ab da geht es nicht mehr um Fassaden, sondern um Panzer, Munition und Flugzeuge. Er baut die sogenannte Zentrale Planung auf, in der über Rohstoffe und Arbeitskräfte entschieden wird, und er reißt Kompetenzen von Wehrmacht und Konkurrenten an sich. Die Produktionszahlen steigen tatsächlich stark an, was ihm den Ruf eines Organisationsgenies einbrachte. Nur beruht dieser Anstieg zu einem erheblichen Teil auf Investitionen, die vor seiner Amtszeit angeschoben wurden, auf statistischen Kunstgriffen und vor allem auf Millionen verschleppter Menschen. Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich und Italien hielten die Betriebe am Laufen, dazu kamen Häftlinge aus Konzentrationslagern, die unter Tage Raketen montierten. In den Stollen des Harzes starben Tausende an Erschöpfung, Hunger und Misshandlung. Speer kannte diese Anlagen, er hat sie besucht, und er hat mehr Arbeitskräfte angefordert, wenn die Produktion stockte.

Ein weit verbreiteter Fehler in der Beschäftigung mit diesem Abschnitt ist die Trennung von Technik und Verbrechen. Sie funktioniert nicht. Jede Erhöhung der Produktionsziele bedeutete zusätzliche Menschen in den Baracken, längere Schichten und höhere Sterblichkeit. Wer Quoten festlegt, entscheidet über Leben, auch wenn er selbst nie eine Waffe in der Hand hält. Genau darum dreht sich der Streit über die Verantwortung von Fachleuten bis heute. Und deshalb wirkt Speers spätere Selbstbeschreibung als unpolitischer Techniker so hohl, sobald man die Vorgänge in seinem Zuständigkeitsbereich nebeneinanderlegt.

Das Ende, das er sich zurechtlegte

Gegen Kriegsende inszenierte sich Speer als Bremser. Er habe den Befehl zur Zerstörung der Infrastruktur unterlaufen, Brücken und Fabriken gerettet, sogar Mordpläne gegen Hitler erwogen. Ein Teil davon lässt sich belegen, ein Teil beruht ausschließlich auf seiner eigenen Darstellung, und einiges spricht dafür, dass er bis zuletzt vor allem an die Zeit nach der Niederlage dachte. Im April 1945 verabschiedete er sich im Bunker persönlich von Hitler, ein Auftritt, den er später sehr wirkungsvoll beschrieb. Wenige Wochen darauf wurde er in Flensburg verhaftet. Was dann folgte, war kein Bruch, sondern die Fortsetzung derselben Fähigkeit mit anderen Mitteln: Wie aus dem Minister ein glaubwürdiger Angeklagter wurde, lesen Sie im Kapitel über den Nürnberger Prozess, und wie er die zwanzig Jahre danach nutzte, im Abschnitt über Spandau.

Chronik

Weiter in der Erzählung