Albert Speer 1905 bis 1945: Architektur, Macht und die Rechnung, die andere bezahlten
Fangen wir mit dem an, was oft unterschlagen wird. Speer war kein Mitläufer, der zufällig ins Zentrum geriet. Er hat sich beworben, im übertragenen Sinn, und er hat jede Chance genutzt, die sich bot. Der Eintritt in die Partei erfolgte 1931, also vor der Machtübernahme, zu einem Zeitpunkt, an dem noch keinerlei Karrierezwang bestand. Die ersten Aufträge waren klein, ein Umbau hier, eine Dekoration dort, aber er lieferte schnell und ohne Rückfragen. Hitler schätzte genau das: einen Mann, der Wünsche in Zeichnungen übersetzte, ohne über Sinn oder Kosten zu diskutieren. Aus dieser Arbeitsbeziehung wurde eine Nähe, die Speer später als Freundschaft beschrieb und die ihm politisch alle Türen öffnete.
Bauen als Machtdemonstration
Die Bauten dieser Jahre sind nicht einfach groß, sie sind bewusst überwältigend. Das Zeppelinfeld in Nürnberg funktionierte als Bühne für die Reichsparteitage, mit Rängen für Zehntausende und einer Tribüne, die jeden Blick nach vorne zwang. Die Scheinwerfer, die nachts senkrecht in den Himmel stachen, waren eigentlich Luftabwehrgerät und wurden zum Symbol einer Inszenierung, die auf Ergriffenheit zielte. Wer das damals sah, sprach von einem Raum aus Licht. Heute erkennt man darin vor allem eine Technik, Menschen klein zu machen. Beim Entwurf der Neuen Reichskanzlei ging es um dasselbe Prinzip, nur in Marmor gefasst: ein Besucher sollte einen langen Weg durch Säle zurücklegen, bevor er vor Hitler stand, müde und beeindruckt. Architektur diente hier als Werkzeug der Einschüchterung, und Speer beherrschte dieses Werkzeug ausgezeichnet.
Das Projekt Germania trieb den Gedanken auf die Spitze. Berlin sollte eine neue Mitte bekommen, mit einer breiten Achse zwischen zwei riesigen Bahnhöfen, gesäumt von Ministerien und Konzernbauten. Am nördlichen Ende war eine Halle geplant, deren Kuppel jedes bestehende Bauwerk der Welt in den Schatten gestellt hätte. Fachleute wiesen damals schon auf Probleme hin, vom Baugrund bis zur Kondensation unter der Kuppel. Es wurde trotzdem weitergeplant, weil der Maßstab der eigentliche Zweck war. Ein häufiger Irrtum besteht darin, das alles für reine Fantasie zu halten. Es wurde gerechnet, es wurden Grundstücke gesichert, es wurden Steinbrüche organisiert, in denen Häftlinge aus Konzentrationslagern arbeiteten. Der Wahn hatte eine Buchhaltung.
Wohnungen, die keine leeren Wohnungen waren
Für den Umbau mussten Tausende Berliner Häuser fallen, und die Bewohner brauchten Ersatz. Die Lösung, die Speers Behörde fand, ist der dunkelste Punkt dieser Jahre. Man griff auf Wohnungen jüdischer Mieter zurück, kündigte sie mit amtlicher Rückendeckung und wies die Familien in überbelegte Sammelunterkünfte ein. Die Karteien dafür entstanden im Apparat des Generalbauinspektors. Viele der betroffenen Menschen wurden später deportiert und ermordet. Speer hat in seinen Erinnerungen daraus eine Randnotiz gemacht, wenn überhaupt. Die Unterlagen zeigen jedoch, dass sein Amt aktiv beteiligt war und dass die Zahl der so beschafften Wohnungen in die Zehntausende ging. Wer den Fall Speer verstehen will, muss hier genau hinsehen, denn hier trennt sich die Erzählung vom Aktenbefund zum ersten Mal deutlich.
Vom Zeichenbrett in die Rüstung
Im Februar 1942 stirbt Fritz Todt bei einem Flugzeugabsturz, und Speer übernimmt noch am selben Tag dessen Ministerium. Ab da geht es nicht mehr um Fassaden, sondern um Panzer, Munition und Flugzeuge. Er baut die sogenannte Zentrale Planung auf, in der über Rohstoffe und Arbeitskräfte entschieden wird, und er reißt Kompetenzen von Wehrmacht und Konkurrenten an sich. Die Produktionszahlen steigen tatsächlich stark an, was ihm den Ruf eines Organisationsgenies einbrachte. Nur beruht dieser Anstieg zu einem erheblichen Teil auf Investitionen, die vor seiner Amtszeit angeschoben wurden, auf statistischen Kunstgriffen und vor allem auf Millionen verschleppter Menschen. Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich und Italien hielten die Betriebe am Laufen, dazu kamen Häftlinge aus Konzentrationslagern, die unter Tage Raketen montierten. In den Stollen des Harzes starben Tausende an Erschöpfung, Hunger und Misshandlung. Speer kannte diese Anlagen, er hat sie besucht, und er hat mehr Arbeitskräfte angefordert, wenn die Produktion stockte.
Ein weit verbreiteter Fehler in der Beschäftigung mit diesem Abschnitt ist die Trennung von Technik und Verbrechen. Sie funktioniert nicht. Jede Erhöhung der Produktionsziele bedeutete zusätzliche Menschen in den Baracken, längere Schichten und höhere Sterblichkeit. Wer Quoten festlegt, entscheidet über Leben, auch wenn er selbst nie eine Waffe in der Hand hält. Genau darum dreht sich der Streit über die Verantwortung von Fachleuten bis heute. Und deshalb wirkt Speers spätere Selbstbeschreibung als unpolitischer Techniker so hohl, sobald man die Vorgänge in seinem Zuständigkeitsbereich nebeneinanderlegt.
Das Ende, das er sich zurechtlegte
Gegen Kriegsende inszenierte sich Speer als Bremser. Er habe den Befehl zur Zerstörung der Infrastruktur unterlaufen, Brücken und Fabriken gerettet, sogar Mordpläne gegen Hitler erwogen. Ein Teil davon lässt sich belegen, ein Teil beruht ausschließlich auf seiner eigenen Darstellung, und einiges spricht dafür, dass er bis zuletzt vor allem an die Zeit nach der Niederlage dachte. Im April 1945 verabschiedete er sich im Bunker persönlich von Hitler, ein Auftritt, den er später sehr wirkungsvoll beschrieb. Wenige Wochen darauf wurde er in Flensburg verhaftet. Was dann folgte, war kein Bruch, sondern die Fortsetzung derselben Fähigkeit mit anderen Mitteln: Wie aus dem Minister ein glaubwürdiger Angeklagter wurde, lesen Sie im Kapitel über den Nürnberger Prozess, und wie er die zwanzig Jahre danach nutzte, im Abschnitt über Spandau.