Speer und Er Das Filmprojekt
Teil 3 Zeitgeschichte
1946 bis 1966 · Drittes Kapitel

Spandau – Die Strafe

Zwanzig Jahre in einem Gefängnis, das vier Siegermächte gemeinsam verwalteten. Sieben Häftlinge, strenge Regeln, wenig Post. Speer machte daraus eine Werkstatt: Er schrieb, sammelte, ordnete und bereitete das Buch vor, das ihn später berühmt machen sollte.

Häftling Nummer 5 Vier-Mächte-Verwaltung Entlassung 1. Oktober 1966
Inhaltsangabe

Was der dritte Teil erzählt

Das Kriegsverbrechergefängnis lag in Berlin-Spandau, ein wuchtiger Backsteinbau aus der Kaiserzeit, viel zu groß für die wenigen Insassen. Die vier Besatzungsmächte lösten einander monatlich in der Aufsicht ab, was den Alltag prägte: Unter sowjetischer Leitung galten andere Regeln als unter amerikanischer, und die Häftlinge lernten schnell, diese Unterschiede auszunutzen. Sprechen war zeitweise verboten, Zeitungen ebenso, Briefe streng begrenzt. Für einen Mann, der zuvor über Rohstoffe eines ganzen Kontinents entschieden hatte, war das eine radikale Umstellung.

Speer fand darin eine Aufgabe. Er notierte, was ihm einfiel, zuerst auf Fetzen, später systematisch. Papier war Mangelware, also nutzte er, was greifbar war: Toilettenpapier, Tabakpackungen, Ränder von Formularen. Aufseher und Hilfspersonal brachten die Zettel nach draußen, wo Vertraute sie sammelten und ordneten. Über die Jahre entstand ein Bestand von Tausenden Seiten. Parallel dazu hielt ein Kreis von Freunden die Familie finanziell über Wasser und finanzierte die heimliche Post.

Im Gefängnisgarten legte er Beete an, pflanzte, plante Wege und begann schließlich mit dem Vorhaben, das am meisten über seinen Kopf verrät: Er zählte seine Runden und rechnete sie in Reisekilometer um, quer durch Europa und Asien bis nach Amerika. Aus einer Zwangsroutine wurde eine Buchhaltung mit Zielort. Am 1. Oktober 1966 endete die Strafe pünktlich um Mitternacht, vor Kameras aus aller Welt.

Zeitgeschichte

Zwanzig Jahre Spandau: Haftalltag, geschmuggelte Zettel und die Werkstatt einer Legende

Spandau war kein normales Gefängnis, und das hatte Folgen für alles, was dort geschah. Vier Mächte teilten sich die Verantwortung, jede mit eigenen Vorstellungen von Strafvollzug, und keine wollte nachgeben. Für sieben Häftlinge wurde ein Apparat unterhalten, der aus Wachpersonal, Küche, Ärzten, Geistlichen und Verwaltung bestand. Die Absurdität dieses Aufwands hat viele Beobachter beschäftigt, aber sie ergab sich aus der politischen Lage. Solange die Anlage bestand, gab es einen Ort, an dem die Kriegsallianz noch funktionierte, wenn auch nur formal. Für die Insassen bedeutete das ein Leben zwischen wechselnden Regeln, in dem jeder Monat anders lief als der vorige.

Schreiben als Überlebenstechnik und als Bauplan

Speer begann früh mit dem Aufschreiben, und er hörte bis zuletzt nicht auf. Das war zunächst Selbstschutz. Wer über Jahrzehnte weder arbeiten noch entscheiden darf, verliert leicht den Halt, und die Aufzeichnungen gaben dem Tag eine Struktur. Doch es ging von Anfang an um mehr. Er sortierte Erinnerungen, prüfte Formulierungen, verwarf und schrieb neu. Aus Notizen wurden Kapitel, aus Kapiteln ein Manuskript. Der Weg nach draußen führte über Personal, das ihm zugetan war, und über Besucher, die Papier in Kleidung versteckten. Manche dieser Helfer taten es aus Sympathie, andere gegen Bezahlung. Ein niederländischer Sanitäter spielte dabei eine besondere Rolle, weil er über Jahre hinweg zuverlässig transportierte, was sonst nie das Gelände verlassen hätte.

Draußen wartete ein Netzwerk. Der Architekt Rudolf Wolters richtete ein Konto ein, auf das ehemalige Kollegen und Geschäftspartner einzahlten. Das Geld ging an die Familie, an Anwälte und in die Beschaffungskette für die Manuskripte. Ohne dieses Netz wäre kein einziges Buch entstanden. Es gehört zu den unangenehmen Wahrheiten dieser Geschichte, dass viele Menschen mit gutem Ruf bereit waren, einem verurteilten Kriegsverbrecher beim Aufbau seiner zweiten Karriere zu helfen. Sie sahen darin keine Beihilfe, sondern Treue. Genau diese Haltung erklärt einen guten Teil des westdeutschen Umgangs mit der Vergangenheit in den fünfziger und sechziger Jahren.

Der Garten, die Kilometer und ein sehr genauer Kopf

Die Weltwanderung im Gefängnishof klingt zunächst wie eine Marotte. Sie ist aber aufschlussreich. Speer maß die Strecke einer Runde aus, führte Buch über jede zurückgelegte Etappe und legte eine Route fest, die ihn über den Balkan, den Nahen Osten, Asien und die Beringstraße bis nach Nordamerika führte. Bücher aus der Gefängnisbibliothek lieferten Landschaftsbeschreibungen, sodass er sich zu jeder Etappe etwas vorstellen konnte. Am Ende hatte er mehrere zehntausend Kilometer beisammen. Wer sich fragt, wie jemand zwanzig Jahre Isolation aushält, findet hier eine Antwort. Wer sich fragt, wie derselbe Mann zuvor Produktionsquoten für ein ganzes Land aufgestellt hat, findet hier ebenfalls eine Antwort. Es ist dieselbe Fähigkeit, nur in einen Hof von wenigen hundert Metern gepresst.

Was die Haftzeit mit der Familie machte

Der Preis wurde zu Hause bezahlt. Sechs Kinder wuchsen mit einem Vater auf, den sie fast nur aus Briefen kannten, und mit einer Mutter, die den Alltag allein bewältigte. Besuche waren selten und kurz, oft unter Aufsicht und mit Themenverboten. Manche Kinder haben ihn in dieser Zeit kaum gesehen. Als er 1966 zurückkam, war er ein Fremder, der sofort wieder eine öffentliche Rolle einnahm. Die Gespräche im Film mit seinen Söhnen und seiner Tochter gehören zu den ruhigsten und zugleich härtesten Passagen des ganzen Projekts, weil dort weder angeklagt noch verteidigt wird, sondern nüchtern erzählt.

Bei aller Härte des Vollzugs bleibt ein nüchterner Befund. Diese zwanzig Jahre haben Speer nicht gebrochen, sie haben ihm Zeit verschafft. Kein anderer Beteiligter konnte sein Bild von der eigenen Rolle so lange und so ungestört durcharbeiten. Als er das Tor verließ, lag ein fertiges Konzept bereit, sprachlich geschliffen und emotional abgestimmt. Wie es aufging und woran es scheiterte, lesen Sie im Kapitel Nachspiel – Die Täuschung. Die Grundlage dafür wurde allerdings viel früher gelegt, in den Jahren, die das Kapitel Germania behandelt.

Chronik

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