Zwanzig Jahre Spandau: Haftalltag, geschmuggelte Zettel und die Werkstatt einer Legende
Spandau war kein normales Gefängnis, und das hatte Folgen für alles, was dort geschah. Vier Mächte teilten sich die Verantwortung, jede mit eigenen Vorstellungen von Strafvollzug, und keine wollte nachgeben. Für sieben Häftlinge wurde ein Apparat unterhalten, der aus Wachpersonal, Küche, Ärzten, Geistlichen und Verwaltung bestand. Die Absurdität dieses Aufwands hat viele Beobachter beschäftigt, aber sie ergab sich aus der politischen Lage. Solange die Anlage bestand, gab es einen Ort, an dem die Kriegsallianz noch funktionierte, wenn auch nur formal. Für die Insassen bedeutete das ein Leben zwischen wechselnden Regeln, in dem jeder Monat anders lief als der vorige.
Schreiben als Überlebenstechnik und als Bauplan
Speer begann früh mit dem Aufschreiben, und er hörte bis zuletzt nicht auf. Das war zunächst Selbstschutz. Wer über Jahrzehnte weder arbeiten noch entscheiden darf, verliert leicht den Halt, und die Aufzeichnungen gaben dem Tag eine Struktur. Doch es ging von Anfang an um mehr. Er sortierte Erinnerungen, prüfte Formulierungen, verwarf und schrieb neu. Aus Notizen wurden Kapitel, aus Kapiteln ein Manuskript. Der Weg nach draußen führte über Personal, das ihm zugetan war, und über Besucher, die Papier in Kleidung versteckten. Manche dieser Helfer taten es aus Sympathie, andere gegen Bezahlung. Ein niederländischer Sanitäter spielte dabei eine besondere Rolle, weil er über Jahre hinweg zuverlässig transportierte, was sonst nie das Gelände verlassen hätte.
Draußen wartete ein Netzwerk. Der Architekt Rudolf Wolters richtete ein Konto ein, auf das ehemalige Kollegen und Geschäftspartner einzahlten. Das Geld ging an die Familie, an Anwälte und in die Beschaffungskette für die Manuskripte. Ohne dieses Netz wäre kein einziges Buch entstanden. Es gehört zu den unangenehmen Wahrheiten dieser Geschichte, dass viele Menschen mit gutem Ruf bereit waren, einem verurteilten Kriegsverbrecher beim Aufbau seiner zweiten Karriere zu helfen. Sie sahen darin keine Beihilfe, sondern Treue. Genau diese Haltung erklärt einen guten Teil des westdeutschen Umgangs mit der Vergangenheit in den fünfziger und sechziger Jahren.
Der Garten, die Kilometer und ein sehr genauer Kopf
Die Weltwanderung im Gefängnishof klingt zunächst wie eine Marotte. Sie ist aber aufschlussreich. Speer maß die Strecke einer Runde aus, führte Buch über jede zurückgelegte Etappe und legte eine Route fest, die ihn über den Balkan, den Nahen Osten, Asien und die Beringstraße bis nach Nordamerika führte. Bücher aus der Gefängnisbibliothek lieferten Landschaftsbeschreibungen, sodass er sich zu jeder Etappe etwas vorstellen konnte. Am Ende hatte er mehrere zehntausend Kilometer beisammen. Wer sich fragt, wie jemand zwanzig Jahre Isolation aushält, findet hier eine Antwort. Wer sich fragt, wie derselbe Mann zuvor Produktionsquoten für ein ganzes Land aufgestellt hat, findet hier ebenfalls eine Antwort. Es ist dieselbe Fähigkeit, nur in einen Hof von wenigen hundert Metern gepresst.
Was die Haftzeit mit der Familie machte
Der Preis wurde zu Hause bezahlt. Sechs Kinder wuchsen mit einem Vater auf, den sie fast nur aus Briefen kannten, und mit einer Mutter, die den Alltag allein bewältigte. Besuche waren selten und kurz, oft unter Aufsicht und mit Themenverboten. Manche Kinder haben ihn in dieser Zeit kaum gesehen. Als er 1966 zurückkam, war er ein Fremder, der sofort wieder eine öffentliche Rolle einnahm. Die Gespräche im Film mit seinen Söhnen und seiner Tochter gehören zu den ruhigsten und zugleich härtesten Passagen des ganzen Projekts, weil dort weder angeklagt noch verteidigt wird, sondern nüchtern erzählt.
Bei aller Härte des Vollzugs bleibt ein nüchterner Befund. Diese zwanzig Jahre haben Speer nicht gebrochen, sie haben ihm Zeit verschafft. Kein anderer Beteiligter konnte sein Bild von der eigenen Rolle so lange und so ungestört durcharbeiten. Als er das Tor verließ, lag ein fertiges Konzept bereit, sprachlich geschliffen und emotional abgestimmt. Wie es aufging und woran es scheiterte, lesen Sie im Kapitel Nachspiel – Die Täuschung. Die Grundlage dafür wurde allerdings viel früher gelegt, in den Jahren, die das Kapitel Germania behandelt.