Speer und Er Das Filmprojekt
Teil 2 Zeitgeschichte
1945 bis 1946 · Zweites Kapitel

Nürnberg – Der Prozess

Im Justizpalast von Nürnberg saß Speer zwischen Männern, die um ihr Leben redeten. Er wählte einen anderen Weg: ruhig, sachlich, mit einem Bekenntnis, das keiner der Mitangeklagten ablegte. Am Ende standen zwanzig Jahre Haft statt eines Todesurteils.

Verhandlungsbeginn November 1945 Verteidiger Hans Flächsner Urteil am 1. Oktober 1946
Inhaltsangabe

Was der zweite Teil erzählt

Die Verhandlung gegen die Hauptkriegsverbrecher beginnt im November 1945 in einem Gebäude, das den Krieg fast unbeschädigt überstanden hat. Vor Gericht stehen Politiker, Militärs, Funktionäre. Speer ist der Jüngste unter den prominenten Angeklagten und der Einzige, der einen ganz eigenen Ton anschlägt. Während andere alles bestreiten oder Befehlsnotstand geltend machen, spricht er von einer gemeinsamen Verantwortung der Führungsspitze. Das klingt nach Einsicht, ist aber zugleich ein präzise gesetzter Schachzug. Denn eine allgemeine Verantwortung lässt sich einräumen, ohne konkrete Taten zuzugeben.

Der Film nutzt für diesen Abschnitt authentische Gerichtsaufnahmen und stellt Szenen aus Zelle, Besprechungszimmer und Saal nach. Sie sehen den Angeklagten bei der Vorbereitung mit seinem Verteidiger Hans Flächsner, Sie hören die Argumente der Anklage und Sie verfolgen, wie sich der Ton im Saal verändert, sobald Filmaufnahmen aus befreiten Lagern gezeigt werden. Speer beschrieb später, dieser Moment habe ihn erschüttert. Ob das der Wahrheit entspricht oder Teil der Aufführung war, gehört zu den Fragen, die der Film bewusst offenlässt.

Das Urteil vom 1. Oktober 1946 sprach ihn in zwei Anklagepunkten schuldig, in zwei weiteren frei. Zwanzig Jahre Haft, kein Strick. Bei den Beratungen der Richter gab es unterschiedliche Auffassungen, die sowjetische Seite hielt eine härtere Strafe für angemessen. Wie knapp diese Entscheidung ausfiel, wusste Speer sehr genau, und er hat es nie vergessen.

Zeitgeschichte

Der Nürnberger Prozess und die Strategie, die Albert Speer das Leben rettete

Man muss sich die Ausgangslage klarmachen, sonst versteht man den Ausgang nicht. Speer war Reichsminister, er saß in den entscheidenden Gremien, er verfügte über Arbeitskräfte, die aus halb Europa verschleppt worden waren. Nach den Kriterien der Anklage sah das nach einem sicheren Todesurteil aus. Fritz Sauckel, der die Menschen beschaffte, wurde gehängt. Speer, der sie bestellte und ihren Einsatz plante, kam mit zwanzig Jahren davon. Dieser Unterschied ist kein Zufall der Beweislage, sondern das Ergebnis von Auftreten, Sprache und Rollenwahl. Genau darum lohnt es sich, diesen Prozessabschnitt genau anzuschauen.

Reue als Verteidigung

Der Kern der Strategie war einfach und wirkungsvoll. Speer erklärte, die Führung des Reiches trage gemeinsam Verantwortung für das, was geschehen sei, und er zähle sich ausdrücklich dazu. Damit hob er sich sofort von allen anderen ab. Im selben Atemzug betonte er jedoch, von den Vernichtungslagern nichts gewusst zu haben, keine Befehle zur Judenverfolgung gegeben und den Terror nie gebilligt zu haben. Die Konstruktion erlaubte ihm, moralisch groß zu wirken und juristisch klein zu bleiben. Ein Gericht, das mit lauter Leugnern zu tun hatte, empfand diesen Auftritt als Erleichterung. Zeitgenössische Beobachter beschrieben ihn als den einzigen Angeklagten, mit dem sich vernünftig reden ließ. Dass genau diese Vernunft das eigentlich Beunruhigende war, fiel damals kaum jemandem auf.

Dazu kamen Geschichten, die seine Rolle in einem freundlichen Licht zeigten. Er habe versucht, Hitler in der Reichskanzlei mit Giftgas über die Lüftungsanlage zu töten. Er habe die Befehle zur Zerstörung der deutschen Infrastruktur systematisch unterlaufen und dadurch die Grundlage für den Wiederaufbau gerettet. Für den zweiten Punkt gibt es tatsächlich Belege, wenn auch weniger eindeutige, als er behauptete. Für den ersten gibt es im Wesentlichen sein Wort. Vor Gericht wirkten solche Erzählungen wie ein Gegengewicht zur Aktenlage, und sie waren schwer zu widerlegen, weil die Anklage unter enormem Zeitdruck arbeitete und ihre Beweise in erster Linie aus deutschen Dokumenten zog, die sein Ministerium selbst produziert hatte.

Was die Anklage nicht auf dem Tisch hatte

Hier liegt ein Punkt, der oft unterschätzt wird. Die Ermittler von 1945 und 1946 verfügten nicht über den Aktenbestand, den die Forschung heute kennt. Die Rolle des Generalbauinspektors bei der Vertreibung jüdischer Mieter in Berlin spielte im Verfahren praktisch keine Rolle. Die Verbindungen seines Hauses zu Bauvorhaben in Lagerkomplexen wurden nicht ausgeleuchtet. Auch die Frage, wer bei welcher internen Tagung was gehört hatte, ließ sich damals nicht ansatzweise so genau rekonstruieren wie Jahrzehnte später. Speer profitierte also nicht nur von seiner Darstellung, sondern auch von einer Lücke. Wer heute die Aktenbestände durchgeht, findet Material, das seinen Auftritt in einem anderen Licht erscheinen lässt. Details dazu stehen im Kapitel Nachspiel – Die Täuschung.

Ein typischer Denkfehler beim Blick auf Nürnberg

Viele Menschen gehen davon aus, ein Gericht ermittle die vollständige Wahrheit. Das tut es nicht, und das ist auch nicht seine Aufgabe. Ein Strafverfahren prüft Anklagepunkte anhand vorgelegter Beweise, innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens und mit begrenzten Mitteln. Was nicht vorgelegt wird, bleibt außen vor, selbst wenn es existiert. Wer das Urteil gegen Speer deshalb als abschließendes Urteil der Geschichte liest, macht einen doppelten Fehler. Er überschätzt, was 1946 überhaupt bekannt sein konnte, und er unterschätzt, wie stark der persönliche Eindruck eines Angeklagten wirkt. Speer hat diesen Eindruck bewusst gesteuert, bis hin zu Kleidung, Sitzhaltung und Sprechtempo. Es lohnt sich, im Film darauf zu achten.

Bemerkenswert bleibt auch, wie schnell aus dem Prozessverhalten ein Lebensmodell wurde. Die Formeln, die er vor dem Tribunal fand, hat er nie wieder verlassen. Vierzig Jahre lang wiederholte er dieselben Sätze über Verantwortung ohne Wissen, über den unpolitischen Fachmann und über die späte Einsicht. Was in Nürnberg als Verteidigung begann, wurde in Spandau zum Manuskript und danach zum Buch. Diese Kontinuität ist der eigentliche rote Faden. Wie die Haftjahre daraus ein regelrechtes Werk machten, lesen Sie im Abschnitt über Spandau, und wie das Ganze historisch begann, im Kapitel über die Jahre bis 1945.

Chronik

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