Speer und Er Das Filmprojekt
Teil 4 Zeitgeschichte
1966 bis 1981 · Viertes Kapitel

Nachspiel – Die Täuschung

Nach der Entlassung begann Speers erfolgreichste Zeit. Seine Erinnerungen wurden weltweit gelesen, er war ein gefragter Gesprächspartner, und aus dem Verurteilten wurde eine moralische Instanz. Dann kamen die Akten – und mit ihnen der lange Abbau einer sorgfältig gebauten Erzählung.

Erinnerungen 1969 Spandauer Tagebücher 1975 Gestorben am 1. September 1981
Inhaltsangabe

Was der vierte Teil erzählt

Kaum draußen, wurde Speer zur Medienfigur. Verlage rissen sich um ihn, Redaktionen luden ihn ein, ausländische Fernsehsender führten lange Gespräche mit dem Mann, der Hitler so nahe gestanden hatte wie kaum ein anderer Überlebender. 1969 erschienen die Erinnerungen, redaktionell betreut von erfahrenen Publizisten, und sie wurden ein Welterfolg. Sechs Jahre später folgten die Aufzeichnungen aus der Haftzeit. Beide Bücher lieferten, was das Publikum suchte: Innenansichten aus dem Machtzentrum, verbunden mit einer Haltung, die nach Reue klang.

Erst allmählich meldeten sich Zweifel. Ein amerikanischer Historiker wies Anfang der siebziger Jahre darauf hin, dass Speer bei einer Tagung anwesend gewesen sein müsse, auf der Himmler ganz offen über die Ermordung der Juden sprach. Speer widersprach heftig. Später untersuchte ein junger Doktorand die Unterlagen des Berliner Bauamtes und stieß auf eine zweite, geschönte Fassung der Amtschronik. Nach und nach kamen Vorgänge ans Licht, die in keinem seiner Bücher vorkamen.

Speer starb im September 1981 während eines Aufenthalts in London. Die Auseinandersetzung ging ohne ihn weiter, mit Aktenfunden, Dissertationen, Biografien und schließlich mit diesem Filmprojekt, das die widersprüchlichen Befunde nebeneinanderstellt und die Familie selbst zu Wort kommen lässt.

Zeitgeschichte

Der Mythos vom guten Nazi: wie Albert Speers Erzählung entstand und woran sie zerbrach

Es gibt wenige Beispiele dafür, wie gut sich Öffentlichkeit steuern lässt, wenn jemand geduldig genug ist. Speer verließ Spandau im Oktober 1966 als verurteilter Kriegsverbrecher und war drei Jahre später ein international gelesener Autor. Das lag nicht nur an ihm. Es lag auch an einer Gesellschaft, die dringend eine Figur brauchte, an der sich das eigene Unbehagen abarbeiten ließ, ohne dass es zu unangenehm wurde. Er bot genau das an: Nähe zum Verbrechen, verbunden mit einer Haltung, die Distanz signalisierte. Wer sein Buch las, konnte glauben, jemand aus dem innersten Kreis habe endlich die Wahrheit gesagt. Tatsächlich las man eine Auswahl, getroffen von jemandem, der zwanzig Jahre Zeit hatte, seine Auswahl zu treffen.

Wie das Buch gemacht war

Die Erinnerungen sind gut geschrieben, und das ist kein Nebeneffekt. Erfahrene Lektoren arbeiteten daran, kürzten, glätteten und verschoben Gewichte. Was blieb, war eine Erzählung mit klarem Bogen: der begabte junge Mann, die Verführung durch einen faszinierenden Diktator, die Verstrickung in einen Apparat, den er nicht durchschaute, und die späte Erkenntnis. Innerhalb dieses Bogens ist vieles korrekt. Termine stimmen, Beschreibungen von Personen sind treffend, Anekdoten lassen sich überprüfen. Genau deshalb funktionierte das Buch so gut. Eine Fälschung besteht selten aus lauter Erfundenem, sie besteht meistens aus richtigen Einzelteilen in einer falschen Anordnung. Der Trick lag im Weglassen. Die Vertreibung jüdischer Mieter aus Berliner Wohnungen fehlt fast vollständig. Die Anforderung von Zwangsarbeitern erscheint als bürokratische Randnotiz. Der Einsatz von KZ-Häftlingen im Rüstungsbau taucht auf, aber gefiltert.

Der bereinigte Aktenbestand

Der auffälligste Beleg für System hinter dieser Auswahl liegt in der Chronik des Berliner Bauamtes. Sein alter Freund und Mitarbeiter hatte über Jahre hinweg dokumentiert, was in der Behörde geschah, einschließlich der Vorgänge um die geräumten Wohnungen. In den sechziger Jahren entstand eine zweite Fassung, in der die heiklen Passagen fehlten, und diese Fassung wurde der Forschung zur Verfügung gestellt. Das Original blieb erhalten, wurde aber zurückgehalten. Als ein Doktorand die Unterschiede bemerkte, brach die Sache auf. Man kann diesen Vorgang nüchtern beschreiben und trotzdem seine Wucht erkennen: Hier wurde nicht vergessen, hier wurde aufgeräumt. Wer heute wissen will, warum die Fachwelt Speers Darstellung ablehnt, findet in diesem Aktenvergleich das deutlichste Argument.

Ein zweiter Streitpunkt ist die Frage der Anwesenheit bei jener Tagung im Oktober 1943, bei der die Vernichtung der Juden vor versammelten Funktionären ausgesprochen wurde. Speer behauptete, er sei vorher abgereist. Zeugenaussagen, Teilnehmerlisten und spätere private Äußerungen sprechen dagegen. In Briefen an Bekannte deutete er im Alter Dinge an, die er in seinen Büchern nie zugab. Solche Widersprüche lassen sich nicht mit schlechtem Gedächtnis erklären, dafür sind sie zu konsequent in eine Richtung gebogen.

Warum die Täuschung so lange hielt

Drei Gründe greifen ineinander. Erstens gab es ein Publikum, das dieser Version zustimmen wollte, weil sie eine bequeme Selbstbeschreibung anbot. Zweitens verfügte Speer über Verbündete, die Material zurückhielten und ihn öffentlich stützten, solange es ihnen passte. Drittens war die Aktenlage lange unübersichtlich, verstreut über mehrere Länder und teilweise unzugänglich. Erst mit der Öffnung von Archiven, mit Nachlässen und mit hartnäckiger Detailarbeit ließ sich das Bild korrigieren. Diese Korrektur ist bis heute nicht abgeschlossen, denn immer wieder tauchen Briefe und Vermerke auf, die neue Fragen aufwerfen.

Was bleibt, ist mehr als eine biografische Kuriosität. Der Fall zeigt, wie ein Täter zum Erklärer der eigenen Tat werden kann, wenn niemand rechtzeitig die Unterlagen prüft. Er zeigt auch, wie schwer sich Öffentlichkeit von einer gut erzählten Geschichte trennt, selbst wenn die Belege dagegen sprechen. Und er zeigt, dass Verantwortung sich nicht in ein allgemeines Bekenntnis auflösen lässt, sondern an konkreten Entscheidungen hängt: an Unterschriften, Bestellungen, Terminen. Wer die anderen Kapitel dieser Seite liest, von Germania über den Prozess bis zur Haftzeit, sieht diese Entscheidungen der Reihe nach vor sich. Am Ende steht kein bequemes Urteil, sondern die Einsicht, dass Nachfragen nie überflüssig wird.

Chronik

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